DER LANDKREIS ELBING   
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TERRANOVA (2)

Erich Tuchel aus Terranova setzt den Bericht nach eigenem Erleben fort:


Von 1801, dem Zeitpunkt der letzten Eindeichung, waren nun bis 1925 rund 125 Jahre vergangen. In dieser Zeit waren die neuen Anlandungen im Nogatdelta soweit gewachsen, daß eine Eindeichung sinnvoll war. Etwa seit der Jahrhundertwende wurden von den angrenzenden Bauern diese noch nicht eingedeichten, aber schon etwas höher gelegenen Anlandungen, als Sommerweide für ihr Jungvieh genutzt. Obwohl die Gefahr der Überschwemmung auch im Sommer bestand, war das beweiden schon eine Frühkultivierung!  Durch das Vieh wurde der Boden festgetreten und Rohr sowie Strauchbewuchs durch das Abfressen verringert.

In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurde die Eindeichung der umfangreichen Anlandungen zwischen Elbingfluß und Landgraben durchgeführt. Wenn in der früheren Zeit die Eindeichung von Privatpersonen in die Tat umgesetzt wurde, so war diese nun fällige Eindeichung eine rein staatliche Aufgabe.

Die Ostpreußische Bau- und Siedlungsgesellschaft mit Sitz in Königsberg/Pr. War mit der Eindeichung und späteren Besiedlung beauftragt.

Gleichzeitig mit dem Bau der Dämme wurden auch zwei durch Elektromotoren angetriebene Schöpfwerke gebaut. Zu den Schöpfwerken führten breite Vorfluter, die wiederum von einem dichten Grabennetz gespeist wurden. Dadurch war die Entwässerung dieses umfangreichen Gebietes gesichert.

Nach Durchführung dieser Entwässerungsmaßnahmen erfolgte ab 1930 die Besiedlung.

Zuerst wurde der westliche Teil zwischen Landgraben und Hundrinne besiedelt. Dieses Gebiet wurde im dörflichen Sprachgebrauch Polder I genannt. Der östliche am Elbing gelegene Teil war der Westwinkel. Dessen Besiedelung wurde 1933 beendet.

Nachdem nun alles bewohnt war, drohte Anfang Februar 1933 eine Katastrophe durch erneute Überschwemmung. Bei anhaltendem Nordoststurm wurde das Wasser der Ostsee in das Haff, und hier besonders in den südlichen Teil gedrückt. Das Wasser stieg bis zur Dammkrone und drohte überzulaufen. Auch auf der Innenseite des Dammes entstanden immer wieder Rinnsale, die schnell mit Sandsäcken abgedichtet werden mußten.

Am schlimmsten war es am Westloch. Dort war die Dammkrone schon etwa einen Meter ausgespült. Doch das Glück war auf der Seite der Bewohner. Der Sturm flaute etwas ab und es setzte starker Frost ein, der das Durchspülen der Dammkrone verhinderte. Durch diesen Wetterumschwung wurden wir alle vor einer katastrophalen Überschwemmung bewahrt.

Durch dieses Hochwasser wurden die Verantwortlichen davon überzeugt, daß die Dämme zu niedrig waren und auf die Dauer nicht genug Sicherheit vor Überschwemmungen bieten konnten,

Die Erhöhung der Dämme war mit ein Grund für die Stationierung von zwei Abteilungen des Reichsarbeitsdienstes (RAD) im neu eingedeichten Gebiet von Terranova.

Ein RAD-Lager wurde am Schöpfwerk im Westwinkel, ein zweites am Schöpfwerk im Polder I gebaut.

Betätigungsmöglichkeiten für den RAD gab es im Westwinkel und im Polder I genug. Nach der Erhöhung der Dämme war die Erhaltung und Verbesserung der Gräben eine wichtige, sehr aufwendige Aufgabe.

Als drittes waren die Wege im neu eingedeichten Gebiet ein brennendes – oder besser gesagt ein schlammiges Problem. Man denkt noch mit Grausen an den Zustand der Wege im Frühjahr und im Herbst. Da war die Tätigkeit des RAD für uns alle sehr von Nutzen.

Durch die Besiedelung von Polder I und Westwinkel hatte sich die flächenmäßige Größe von Terranova in etwa verdoppelt. Das gleich galt auch für die Einwohnerzahl unseres Heimatdorfes.

Die Siedler oder auch Neubauern, wie wir damals genannt wurden, kamen zum kleineren Teil aus Terranova. Der größere Teil kam aus der weiteren Umgebung, aus dem Kreis Elbing und aus den Kreisen Marienburg sowie Preußisch Holland.

Für die schulpflichtigen Kinder der neuen Bewohner waren die Wege zur alten Schule zu weit, auch die Größe der Schule reichte nicht aus. Zur Lösung dieses Problems wurde im Polder I am Ende des Mittelweges eine neue, einklassige Schule gebaut.

Wie schon erwähnt, waren die Wege ein Problem, das gelöst werden mußte. Deshalb wurde auch bald eine Betonstraße von der alten Chaussee bis zur Buddingbrücke gebaut.

Die anderen Wege wurden im Laufe der Zeit durch Schotter- und Kiesaufschüttungen befestigt. So konnten die Wege auch im Frühjahr und im Herbst benutz werden.

Wenn auch der größte Teil der Bewohner Terranovas Bauern waren, wohnten doch auch viele Arbeiter und Handwerker, die bei Schichau und beim Wasserbauamt in Elbing beschäftigt waren, in unserem Heimatdorf.

Einige unserer Mitbürger stritten ihren Lebensunterhalt durch Fischerei und Entenjagd. Der Ostholm und das Gebiet zwischen Westmole und Langrabenmündung – von den Fischern Westseite genannt – war ein Fisch- und Vogelparadies das seinen Mann gut ernährte.

Die verkehrsmäßige Anbindung unseres Dorfes an die Stadt Elbing war durch dessen Insellage bedingt nicht immer ganz leicht, doch mehrfach gesichert. Für die Bauern waren Pferd und Wagen das naheliegendste Verkehrsmittel. Die Fähre kostete – besonders im Winter – viel Zeit. An den Markttagen (Mittwoch und Sonnabend) fuhren zwei Motorboote für den Personen- und Warenverkehr.

Ein Boot fuhr vom Hafenhaus mit Halt am Gasthaus „Neue Erde“ den Elbing aufwärts durch Bollwerk nach Elbing. Das zweite befuhr den Landgraben von der Mündung aufwärts mit mehreren Haltepunkten (Terranova und Fischerskampe) durch die Nogat und den Kraffohlkanal den Elbingfluß hinauf nach Elbing.

Die schwierigste Möglichkeit war, zu Fuß nach Groß Röbern zu laufen und von dort mit der Haffuferbahn nach Elbing zu fahren.


Zum Schluß sei noch gesagt: Wir wohnten in einem schönen Winkel dieser Welt. Schade, daß wir ihn verlassen mußten.


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