Vorlaubenhaus




Heimatkunde

Was ist eigentlich ein Vorlaubenhaus?

(Günter Mauter)


Wenn man heute durch unsere ehemals deutschen Dörfer kommt, sieht man noch ab und zu in mehr oder vor allem weniger gutem Zustand sogenannte Vorlaubenhäuser. Nirgendwo sonst kamen diese Haustypen so häufig vor, wie auf dem Oberland (dazu gehört natürlich auch der Kreis Pr. Holland) und in der Weichsel-Niederung. Wer das Vorlaubenhaus "erfunden hat" ist auch in einschlägiger Literatur nicht einwandfrei geklärt worden. Angeblich gab es "Vorhallenhäuser" in Ostpreußen schon im 6. und 7. Jahrhundert. Teilweise wird behauptet, dass fränkische und niederdeutsche Siedler ihr Fachwerkhaus "mitgebracht" haben, das aus praktischen Gründen durch vorgefundene Vorlauben an den Höfen der prußischen Bauern ergänzt wurde.


"Richtige" Vorlaubenhäuser haben eine ganz bestimmte Bauart aufzuweisen: Die Vorlaube steht im rechten Winkel zum Haupthaus, ist meistens in der Mitte angesetzt  und besitzt - das ist wichtig – die gleiche Firsthöhe! Alle anderen Quasi-Vorlauben sind eigentlich Loggias, Ecklauben, Giebellauben oder Giebelvorhallen, wenngleich sie auch auf Ständern stehen. Für den Bauern lag der Vorteil dieser Vorlauben auf der Hand: Unter dem Dach derselben wurde das wertvolle Getreide getrocknet und gelagert. Nach unten hatte man eine Luke, durch die entweder das Korn vom Wagen entladen, oder der zum Markt fahrende Wagen wieder beladen werden konnte ohne naß zu werden. Außerdem konnte man den Sommer über den "Getreideboden" als Wohnraum benutzen. Oft war dieser Raum sogar 2stöckig.Im Sommer ein schattiges Plätzchen, - abends konnte man – die Lauben zeigten in der Regel zur Straße – noch das Geschehen im Dorf beobachten.  Ob es wirklich stimmt, weiß ich nicht, aber die Eingangstür von der Laube aus soll besonderen Anlässen vorbehalten gewesen sein. So betrat man das Haus in der Regel von der Rückseite, wo sich eine weitere Tür als "Klöntür" (Ober- und Untertüre) befand. Wurde aber geheiratet, betrat die Braut durch die Vordertür das Haus. Ebenso durften die Gäste die Vordertür benutzen. Von dort kam man auch gleich in die "gute Stube".


Im Todesfall wurde man aus der Vordertür auch hinausgetragen.


Die Vorlaube wurde von mehreren Ständern gehalten. Das waren ordentliche Balken, die auf einem Steinfundament standen. Vom einfachen glatten bis zum verzierten und geschnitzten Balken, waren alle Arten möglich. Es hing ja auch vom Stand und Einkommen ab, was man sich leisten konnte. Es wird immer wieder behauptete, an der Anzahl der Ständer wäre die Anzahl der Hufen oder Morgen abzulesen, die der Hofbesitzer besaß. Das ist aber Unsinn! Es war einfach so: - wer mehr Geld hatte, baute auch aufwändiger seine Vorlaube bzw. das ganze Haus.


Vorlaubenhäuser wurden ursprünglich in Blockbohlenweise errichtet. Das waren abgeflachte Baumstämme, die mit Axt und Breitbeil zugehauen wurden. Als die Metallsägen aufkamen, wurden beide Seiten der Stämme glattgesägt und bildeten außen wie innen eine glatte Wand ("Schurzbohlen").


Die Häuser waren nicht immer mit gleichem Grundriß angelegt, aber sie hatten wohl oft den durchgehenden Flur und in der Mitte eine "Schwarze Küche". Nach entsprechenden Umbauten entfiel diese Art der Küche dann und wich dem gemauerten Küchenherd in einer modernisierten Küche. Auch nicht einheitlich war die Raumaufteilung: Es gab Häuser, die vier gleichgroße Räume hatten, in der Mitte eine "Schwarze Küche", sowie einen Vorder- und einen Hintereingang mit Flur (das waren die "Vierviertel-Häuser"), - andere Häuser waren so aufgeteilt, wie wir es im Grundriß des "Stobäus-Hauses" in Lenzen sehen, das insgesamt auch etwas größer angelegt war.

Die größten Häuser gab es wohl in der Niederung, denn  da war der Wohlstand am größten.  Zum Dachdecken stand dem Hausbauer nur das übliche Reet- oder Stroh (Rohrdach) zur Verfügung. Die Brandgefahr war sehr groß und niemand durfte mit brennender Tabakspfeife durch das Dorf gehen. In der Neuzeit wurden die Häuser immer mehr auch mit Pfannen eingedeckt. Das erwähnte "Stobäus-Haus" steht in Lenzen in der Nähe der Kirche. Es ist immer noch eine sehr schönes Beispiel für Vorlaubenhäuser auf der Elbinger Höhe. Auch unter polnischer Administration genießt das Haus (angeblich) Denkmalschutz, macht aber heute eher einen traurigen Eindruck, wenngleich das besetzte Storchennest einen romantischen Anblick bietet und ein Teil des Holzfachwerks rötlichbraun gestrichen ist.

Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass anfangs im Vorlaubenhaus auch der Pferdestall untergebracht war. Der Mensch lebte schon immer mit seinen Tieren auf engem Raum zusammen. Das Pferd aber war ihm immer besonders wichtig. Als sich der Platzbedarf der Menschen erhöhte und ohnehin Anbauten wie Scheune, Geräteschuppen und Ställe notwendig wurden, bekam auch der Pferdestall einen separaten Bau.


Zum Schluß sei noch darauf  hingewiesen, dass auch bei Vorlaubenhäusern, die in Blockbau-, also nicht in Fachwerkbauweise  errichtet wurden, die Vorlaube in der Regel in schöner   Fachwerkarbeit ausgeführt wurde. Vor allem die Giebelseite der Vorlaube, die "Schauseite", wies besonders schöne Fachwerkelemente auf. Manche Vorlaube zeigte ein streng gegliedertes Fachwerk, das nur aus sich rechtwinklig kreuzenden Ständern und Riegeln bestand. Andere Vorlauben waren wesentlich aufwändiger gearbeitet mit gebogenen Hölzern, die auch zu Ornamenten und Sinnbildern angeordnet wurden, wobei diese Elemente keinen konstruktiven Wert hatten, sondern nur als schmückendes Element anzusehen sind. Diese Holzarbeiten dokumentierten das hohe handwerklichen Können der Zimmerleute!


Die sichtbaren Fachwerkteile wurden meistens schwarz, gelegentlich sogar rotbraun gestrichen, während das verputzte Gefache und die Wände des Erdgeschosses meistens weiß gekalkt wurden.


Schade, dass diese ehemals schönen Häuser nur in wenigen Fällen bewußt erhalten werden. Viele dieser Häuser werden einfach alt, marode, unbewohnbar, sind einsturzgefährdet und verschwinden über kurz oder lang. Leider!



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